2.07.2010
Exil Erlebnisse eines Yogi
Vor über 2 Jahren bin ich in die Schweiz ausgewandert. Auf unbestimmte Zeit. Also mein Ausländerausweis hat eine Gültigkeit von 5 Jahren, aber solange ich eine Arbeitstelle habe wäre eine Verlängerung nur eine Formalität. Ich kenne „die Schweiz“ schon lange. Zwei meiner ältesten Freunde sind Schweizer und leben in Schaffhausen. Dem aufmerksamen Leser werden die Anführungszeichen im vorigen Satz nicht entgangen sein. So etwas wie „die Schweiz“ existiert nämlich im wesentlichen nur ausserhalb „der Schweiz“. Innerhalb „der Schweiz“ gibt es 26 Kantone (23 + 3 in je zwei Halbkantone gegliedert, um genau zu sein) die alle relativ autark agieren. Somit definiert man sich zum Beispiel als Zürcher, Aargauer, Berner oder Luzerner – als Schweizer nur gegenüber Ausländern. Und davon gibt es eine Menge hier. Also den Ausländern. Seit der neuen Freizügigkeit auch immer mehr Deutsche. Und das ist dem gemeinen Schweizer ein Dorn im Auge. Deutsche gelten als laut, arrogant, rücksichtslos, obrigkeitshörig und unangenehme Zeitgenossen. Zudem sind sie gut ausgebildet und schnappen gute Jobs weg – weil Deutsche für weniger Geld arbeiten als Schweizer. Von dieser generellen Abneigung gegenüber meiner Nationalität hatte ich allerdings vorher nichts gewusst. Umso überraschter war ich von Schlagzeilen in (auch renommierten) Zeitungen in denen wöchentlich offen Fragen wie „Wieviel Deutsche verträgt die Schweiz“ diskutiert wurden. Eine interessante Erfahrung. Nun ist es schier unmöglich seine deutsche Herkunft geheimzuhalten. Sobald man den Mund öffnet um ein Wort zu sagen wird man gnadenlos entlarvt. Denn auch in der Deutschschweiz (Region mit überwiegend deutschsprachiger Bevölkerung) wird kein Deutsch gesprochen sondern Schwizerdütsch welches aus meiner Perspektive eher einer eigenen Sprache gleichkommt als eines Dialektes. Nun muss ich allerdings sagen das ich mich der generellen Aussage wie wir Deutschen so sind in keinster Weise getroffen fühlte. Ich halte mich weder für laut, noch arrogant oder rücksichtslos und schon gar nicht obrigkeitshörig. Mir fiel auch niemand meiner deutschen Freunde und Bekannten ein auf den dieses Urteil gepasst hätte. Somit entstand jedoch ein gewisser Ehrgeiz in mir dieses offensichtlich falsche Bild des gemeinen Deutschen geradezurücken. Und somit begann mein Dilemma…
In meinem Bestreben das schlechte Image einer ganzen Nation aufzubessern begann ich extra freundlich zu sein. Ich achtete sehr darauf mich vorsichtig und höflich zu äussern und auf keinen Fall meine Stimme zu erheben. Ich klebte mir ein permanentes Lächeln ins Gesicht, sagte artig „Bitte“ und „Merci“ und tat mein möglichstes alles an guter Erziehung zu Tage zu fördern was ich jeh gelernt oder gelesen hatte. Tatsächlich tat ich gar nicht soviel mehr, wie gesagt ich denke ich war auch vorher schon ein ganz annehmbarer Zeitgenosse. Trotzdem verankerte sich in meinen Gedanken die X-tra Mentalität. Extra Freundlichkeit, extra Lächeln, extra Dankeschön, extra Zuvorkommen, extra… So zeigte sich ein weiteres mal die Macht der Gedanken. In meinem Kopf entstand ein Bild eines sanftmütigen Engels der jeder Bösartigkeit mit einem zauberhaftem Nicken begegnet. Nur das ich eben genau das nicht bin. Ich bin kein engelsgleiches Wesen, nie gewesen und zwar weder von meiner Statur noch von meinem Innersten. Wenn mir etwas gegen den Strich geht kann ich meine Meinung auch gegen grosse Widerstände vertreten eben auch lautstark – wenn es denn sein muss. Aber ich musste ja das schlechte Image aufbessern. Somit verbot ich mir Kraft meines Verstandes jede Aufmüpfigkeit. Das das natürlich nur nach hinten losgehen kann… wen wundert das. Rückblickend betrachtet muss ich über mich selber lachen mir die Ausräumung eines Vorurteils einer ganzen Nation auf die Schultern geladen zu haben. Es kam wie es kommen musste, da ich mir jegliches aufmucken verbot, kompensierte sich alles unterbewusst und es staute sich eine ganze Menge an. Das verfestigte sich zu einer handfesten Abneigung gegen alle Schweizer, den schweizer Dialekt und alles was urschweizerisch ist. So schaffte ich quasi eine Art Ausgleich. Nur brachte mich das in eine ziemlich blöde Situation, schliesslich lebte ich in der Schweiz – dem neuen Stein des Anstosses. Schlussendlich explodierte alles an einem Abend wo ich mich mit einem guten deutschen (auch in der Schweiz lebenden) Freund traf dem ich halbtrunken mein ganzes Leid und meine ganze innere Ablehnung gegen alles schweizerische gestand. Danach ging es mir besser. Komisch? Nein natürlich nicht. Immerhin hatte ich mir alles von der Seele geredet. Komisch vielleicht eher das tatsächlich meine ganze innerlich aufgestaute Aggression mit einem lauten Knall verpuffte und verschwand? Dem war nämlich so. Einmal ausgesprochen, nein einmal herausgeschleudert wurde es im nächsten Augenblick unwahr. Denn eigentlich mag ich die Schweiz. Es ist schön hier. Es gefällt mir.
Seitdem bin ich nicht mehr extra freundlich. Wer meine „normale“ Freundlichkeit nicht mag der mag sie eben nicht. Vielleicht mag ich ihn auch nicht – vielleicht doch. Jedenfalls hat dies nichts mit meiner deutschen Herkunft zu tun. Ich unterscheide zwischen netten und nicht netten Menschen. Ihre Nationalität ist mir gleichgültig. Und wenn mich jemand nur wegen meines deutsch seins mögen würde – fände ich es genauso bedenklich wie wegen eines Lächelns verhaftet zu werden.
Ich habe meine Balance wiedergefunden. Und bin nach wie vor überrascht wie ein Gedanke „besonders nett zu sein“ es schaffte mich aus meiner Balance zu schubsen.
maitri karuna mudita upeksanam sukha duhkha punya apunya
visayanam bhavanatah chitta prasadanam
Wenn es uns gelingt ein liebevolles Gefühl den Menschen gegenüber zu hegen, die glücklich sind, Mitgefühl mit denen zu hegen, die unglücklich sind, uns zusammen mit denen zu freuen, die etwas Wertvolles tun und uns nicht durch Irrtümer anderer Menschen aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen, wird in unserem Geist Ruhe einkehren.
Ich weiss nicht ob das Vorurteil wie wir Deutschen so sind wirklich ein Irrtum ist. Alltagssprachlich ist ein Vorurteil ein vorab wertendes Urteil, das eine Handlung leitet und in diesem Sinne endgültig ist. Es ist eine meist wenig reflektierte Meinung – ohne verständige Würdigung aller relevanten Eigenschaften eines Sachverhaltes oder einer Person. Wenn man nicht alle relevanten Dinge einbezieht ist ein Irrtum leicht möglich. Meiner subjektiven Einschätzung nach kann man einen Irrtum folglich zumindest nicht ausschliessen. Aber das ist nicht wichtig. Wichtig ist das ich mich dadurch nicht mehr aus dem Gleichgewicht bringen lasse.
In diesem Sinne,
Om Shantih!

Geschrieben von Simone; Schweiz 2010
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