8.11.2010
Der Dalai Lama: Yoga des Geistes
Seine Heiligkeit der 14. Dalai Lama, Tendzin Gyatsho, ist das geistliche und weltliche Oberhaupt der Tibeter. Der Mönch wird von den Tibetern sehr verehrt: jeder Tibeter hat eine tiefe, nicht mit Worten zu fassende Verbindung zum Dalai Lama. Für seine tibetischen Anhänger symbolisiert er Tibet in seiner Gesamtheit: die Schönheit des Landes, die Reinheit seiner Flüsse und Seen, die Heiligkeit seiner Himmel, die Festigkeit seiner Berge und die Stärke seines Volkes.
Die Anrede „Dalai Lama“ ist ein ursprünglich mongolischer Titel, der im 16. Jahrhundert entstand und wörtlich übersetzt „Ozean der Weisheit“ bedeutet. Im tibetischen Buddhismus sind die Dalai Lamas Verkörperungen der Buddhaqualität des liebenden Mitgefühls, welche sich als Bodhisattva in unserer Welt manifestiert. Bodhisattvas sind erleuchtete Wesen, die den Kreislauf der Wiedergeburt hätten verlassen und ins Nirwana eingehen können. Sie haben sich aber dazu entschlossen, durch Reinkarnation erneut in die menschliche Existenz einzutreten um der Menschheit zu dienen.
Die Folge von Inkarnationen des Dalai Lama begann im Jahre 1391 mit der Geburt von Gedun Drupa, dem 1. Dalai Lama. Die neuen Inkarnationen des Dalai Lama werden als Kleinkind von einer hochrangigen Findungskommission, bestehend aus Mönchen, wieder aufgefunden. Hierbei richtet man sich nach besonderen Zeichen, wie Träumen oder Visionen der Eltern, der Mönche selbst, Naturphänomenen am Geburtsort und ungewöhnlichen Fähigkeiten des Kindes.
Der amtierende Dalai Lama Tendzin Gyatsho wurde 1937 im Alter von zwei Jahren als Sohn einer Bauernfamilie im nordöstlichen Tibet gefunden. Er überzeugte die Findungskommission, indem er unter anderem aus einer Anzahl von mitgebrachten Gegenständen diejenigen heraussuchte, die dem 13. Dalai Lama gehört hatten und sie als die seinigen bezeichnete. Zudem hatte er bereits vor dem Eintreffen der Mönche verkündet, er werde in die Hauptstadt Lhasa, die zugleich das religiöse Zentrum Tibets ist, gehen. Dort befindet sich der 639 n. Chr. erbaute Jokhang-Tempel, der für die Tibeter den Mittelpunkt der Welt und das Zentrum des Universums darstellt.
Der Junge wurde 1939 offiziell zur Wiederverkörperung des Dalai Lama erklärt und ein Jahr später mit einer feierlichen Zeremonie in Lhasa inthronisiert. Neun Jahre nach der fortschreitend brutalen Besetzung Tibets durch die Volksrepublik China war der Dalai Lama im Jahr 1959 gezwungen, ins Exil zu flüchten. Ungefähr 90.000 seiner Landsleute folgten dem kurz zuvor zum Doktor der Theologie und Philosophie promovierten Mönch nach Indien. Seitdem lebt er im nordindischen Dharamsala, das heutzutage auch der Sitz der tibetischen Exilregierung ist.
Trotz der ungeklärten Situation in Tibet hat der Dalai Lama konsequent eine Politik der Gewaltlosigkeit verfolgt und eine friedliche Lösung angestrebt, sogar noch im Angesicht extremster Aggression. Seine Vision ist ein autonomes Tibet als Gebiet des Friedens im Herzen Asiens, in dem alle fühlenden Wesen in Harmonie, Respekt und unter Berücksichtigung fundamentaler Menschenrechte und demokratischer Freiheit miteinander existieren können und die empfindliche Pflanzen- und Tierwelt geschützt und erhalten wird. Bis heute ist China jedoch nicht auf die wiederholten Friedensvorschläge des tibetischen Oberhaupts eingegangen.
Auch über die Tibet-Frage hinaus setzt sich der Dalai Lama intensiv für einen friedfertigen, konstruktiven und mitfühlenden Dialog der Menschen ein. Für seine spirituelle Arbeit und seinen Einsatz für den Weltfrieden findet der Dalai Lama Anerkennung in der ganzen Welt. Seine intensiven Bemühungen um die politische Unabhängigkeit Tibets sowie um dessen kulturelle und religiöse Identität wurden 1989 mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Der Dalai Lama, der sich selbst als „einfachen buddhistischen Mönch“ bezeichnet, bereist den Globus um Vorträge zu halten und mit den Menschen in Kommunikation zu treten. Diejenigen, die das Glück haben ihn persönlich zu treffen, sind zutiefst berührt von seinem mitfühlenden Wesen und seiner liebevollen Ausstrahlung.
Der Dalai Lama hat bereits über 70 Bücher und Schriften herausgegeben, in denen Fragen der Lebenspraxis, die Natur des menschlichen Bewusstseins und andere existenzielle Themen im buddhistischen Kontext erläutert werden. Ein für Yogis besonders interessantes Werk ist das Buch „Yoga des Geistes – Vorträge zur Geistesschulung“, das die Entwicklung eines friedvollen Geistes zum Thema hat. Es lehrt uns, wie durch Zähmung und Schulung des Geistes dauerhafter Frieden zu gewinnen ist und wie die Menschen, wenn sie es wahrhaft wollen, Selbstsucht in liebende Güte verwandeln können. Denn der Sinn und das Ziel aller Religionen ist es, so der Dalai Lama, Egoismus gegen menschliches Miteinander auszutauschen.
Der Dalai Lama lebt in einer kleinen, einfachen Hütte in Dharamsala und führt das Leben eines buddhistischen Mönches. Er steht um vier Uhr morgens auf, um zu meditieren und geht danach den Verpflichtungen des Tages nach, die aus administrativen Versammlungen, privaten Audienzen und religiösen Vorträgen und Zeremonien bestehen. Seine Heiligkeit beschließt jeden Tag mit weiteren Gebeten, bevor er sich zur Ruhe legt. Wenn man den Dalai Lama nach seinen größten Inspirationsquellen fragt, zitiert er oftmals einen seiner Lieblingsverse, geschrieben von einem namhaften buddhistischen Heiligen des achten Jahrhunderts, Shanti Deva:
For as long as space endures
And for as long as living beings remain,
Until then may I too abide
To dispel the misery of the world.
Solange der Raum andauert,
Solange es Leben gibt,
Werde ich nicht aufgeben,
Das Leid aus dieser Welt zu vertreiben
Dieser Gastbeitrag wurde geschrieben von Maike Magnussen.
Maike unterrichtet Vinyasa Yoga in Dresden.

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Autor: Maike Magnussen · Kommentieren · Trackback



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